Unbewältigtes Verlusterleben
   

Verhaltenstherapie bei Depressionen

Der Mensch ist ein bio-psychosoziales Wesen. Folglich steht im Fachklinikum Brandis bei der Behandlung der Erkrankungen die Ganzheitlichkeit der Patienten im Mittelpunkt. Die Psychotherapie als ein Teilbereich befasst sich mit den psychosozialen Problemen der Betroffenen, die oftmals begleitend auftreten. Dabei hat sich die Verhaltenstherapie im Fachklinikum Brandis als effektive Behandlungsmethode für Patienten mit leichten bis mittelschweren Depressionen bewährt.

Es zählt zu den Fortschritten der modernen Medizin, dass heute über depressive Störungen in ihren unterschiedlichen Formen vergleichsweise offen und realitätsgerecht gesprochen werden kann. Trotzdem wird die Häufigkeit behandlungsbedürftiger Depressionen in Deutschland weiterhin unterschätzt. Untersuchungen zur Versorgungssituation gehen davon aus, dass nur ein Drittel aller Patienten mit Depressionen einen Arzt aufsucht, nur bei der Hälfte dieser Patienten wird die Depression erkannt und nur bei einem Bruchteil eine adäquate Behandlung eingeleitet. Oft werden nur Patienten mit schwersten, therapieresistenten und chronifizierten Depressionen dem Facharzt vorgestellt. Das Nichterkennen und Nichtbehandeln depressiver Störungen verursacht nicht nur viel Leid bei den Betroffenen und ihren Angehörigen, es ist auch ein wesentlicher Kostenfaktor, der die sozialen Sicherungssysteme belastet.

 

Behandlungsmethode bei leichten und mittelschweren Depressionen

Es ist deshalb ein wichtiges Anliegen, Menschen, die unter Depressionen leiden, eine adäquate Behandlung zukommen zu lassen. Die moderne Medizin verfügt sowohl über effektive medikamentöse als auch psychotherapeutische Behandlungsmethoden für depressive Störungen. Im folgenden Beitrag wird die Verhaltenstherapie als eine Behandlungsmethode bei leichten und mittelschweren Depressionen vorgestellt. Sie kann auch im Falle schwerer depressiver Störungen neben der medikamentösen Therapie oder im Rahmen der Vermeidung von Rückfällen bzw. zur sogenannten Phasenprophylaxe eine wichtige Rolle spielen. Die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie bei Depressionen wurde in einer Vielzahl von klinischen Studien genauso wie im klinischen Alltag nachgewiesen. Der große therapeutische Effekt der Verhaltenstherapie beruht auf der spezifischen Kombination von Modellbildung, indikationsbezogener und therapiebegleitender Diagnostik sowie der Möglichkeit, im therapeutischen Prozess unterschiedliche Therapiebausteine flexibel zu handhaben. Von depressiven Patienten wird der aktive, gelenkte, zeitlich begrenzte und strukturierte Ansatz der Verhaltenstherapie als sehr hilfreich erlebt.

 

Modellbildung

Das verhaltenstherapeutische Modell der depressiven Störung erlaubt es, hinter der verwirrenden Vielfalt negativ empfundener und bewerteter Symptome eine durchaus zweckmäßige Anpassung des Menschen an eine energetische Mangelsituation zu sehen. Diese orientiert sich an einem grundlegenden Befund der psychologischen Lerntheorie: Ein Verhalten, das keine ausreichende Verstärkung erfährt, wird weniger häufig gezeigt. Es tendiert dazu, gelöscht zu werden. Das erlaubt uns, im Leben von Dingen abzulassen, die uns nichts bringen, und uns mit Dingen zu beschäftigen, die einen Belohnungswert für uns haben. Nun kann aber durch intrapsychische Verhältnisse, oftmals auch durch äußere Lebensumstände ein Zustand eintreten, bei dem die verausgabten Kräfte viel höher anzusetzen sind als die erzielten Gewinne. Der Organismus bzw. die Person gerät in einen chronischen energetischen Mangelzustand, der in Anlehnung an die lerntheoretischen Grundlagen auch als „Verstärkerdefizit“ oder „Leben unter Löschungsbedingungen“ beschrieben wird. Aus dieser Auffassung der Depression lassen sich die verschiedenen Behandlungselemente ableiten.

 

Förderung angenehmer Aktivitäten

Ziel der Förderung angenehmer Aktivitäten ist die Überwindung der depressionsgeschuldeten Inaktivität, die Unterbrechung von Rückzugs- bzw. von Vermeidungsverhalten, vor allem im sozialen Bereich. Es wird eine Verbesserung der energetischen Bilanz angestrebt, die es dem Patienten erlaubt, sich aus seiner Inaktivität zu lösen und zu einem normalen Aktivitätsniveau zurückzukehren. Mit dem Patienten werden konkrete Beobachtungen des eigenen Verhaltens, etwa in Form von Wochenplänen, durchgeführt. Für viele unterschiedliche Aktivitäten wird eingeschätzt, wie angenehm sie für den Patienten sind. Auf der Grundlage dieser und anderer Informationen lassen sich Verstärkerpläne entwickeln, deren Umsetzung aus dem energetischen Mangelzustand der Person wieder herausführt. Gleichzeitig werden depressionsfördernde Aktivitäten abgebaut.

 

Veränderung von Kognitionen

Für das Verstehen der intrapsychischen Bedingungen, die eine Depression hervorrufen können, kommt der Analyse relativ starrer gedanklicher Muster eine große Bedeutung zu. Zum Beispiel leiden nicht wenige depressive Patienten unter sogenannten „Muss-“ oder „Sollte-Tyranneien“, die sie zwingen, viel Zeit mit Aktivitäten zu verbringen, die für sie keinen oder nur einen geringen Belohnungswert haben. Sie benutzen in ihrem inneren Dialog häufig Wörter, wie „(du) musst“, „(du) sollst“. Das ist ein Hinweis darauf, dass die normale positive Verstärkung von Verhalten nicht ausreicht und zu energieaufwendigen Ersatzmustern gegriffen werden muss. Eine solche Form des inneren Dialogs geht oft auf übergeordnete handlungsleitende Schemata (z. B. „Ich habe immer zu funktionieren“, „Ich muss allen gefallen“, „Ich bin dumm, wenn ich Fehler mache.“ u. a.) zurück. Das Identifizieren und Hinterfragen derartiger dysfunktionaler gedanklicher Muster ist ein Schlüsselelement erfolgreicher Depressionsbehandlung.

 

Soziale Kompetenz

Für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen sind nicht alle Verhaltensbereiche von gleicher Bedeutung. Das Sozialverhalten erweist sich bei einer Depression als besonders störbar. Wenn Patienten erlauben, sie genauer kennen zu lernen, so findet sich nicht selten, dass grundlegende soziale Kompetenzen auch schon vor Beginn der Erkrankung nicht ausreichend entwickelt waren. Ein Beispiel dafür ist die nicht selten unzureichend entwickelte Fähigkeit, sich gegenüber anderen abzugrenzen und das durch ein klares Nein-Sagen zu äußern. Die Verhaltenstherapie kann an dieser Stelle auf ein wohl etabliertes Methodenspektrum aus dem Sozialen Kompetenztraining zurückgreifen.

 

Stabilisierung der Erfolge

Zur Verhaltenstherapie der Depression gehört schließlich auch das „Packen des Notfallkoffers“. Während manchmal befürchtet wird, dass durch das Sprechen über mögliche Rückfälle diese herbeigeredet würden, zeigen die Erfahrungen der Verhaltenstherapie genau das Gegenteil: Das offene Ansprechen möglicher Rezidive und die Ausbildung der Fähigkeit, damit umzugehen, stabilisieren den Patienten. Die einzelnen Therapiebausteine lassen sich variabel einsetzen und, wenn nötig, auch mit anderen Verfahren, etwa aus der Stressbewältigung oder Angstbehandlung, kombinieren. Ausschlaggebend für die Wahl der konkreten Methoden ist dabei die Verhaltensanalyse, aus der sich auch die konkret fassbaren Behandlungsziele ergeben, die mit dem Patienten zusammen erarbeitet werden. Die Verhaltenstherapie unterstützt so Patienten bei depressiven Störungen, energetische Mangelsituationen zu überwinden, wieder Freude am Leben zu entwickeln und sich gestärkt den Anforderungen des Lebens zu stellen.

 

Dr. rer. nat. Klaus Dieter Schmidt

 

 

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