Ärztlicher Direktor
Fachklinikum Brandis
Dr. med. Dipl.-Psych.
Th. Müller-Holthusen
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Interview mit Iris Böhme, Hirntrainerin im Fachklinikum Brandis
Schlaganfälle, Schädelhirntraumen oder andere neurologische Erkrankungen bedingen nicht nur motorische und/oder sensorische Beeinträchtigungen. Viele Patienten leiden zusätzlich unter sogenannten kognitiven Störungen. Darunter versteht man neben Beeinträchtigungen der visuellen Raumwahrnehmung und -verarbeitung vor allem Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Doch Patienten mit kognitiven Störungen haben die Möglichkeit, durch permanentes Training ihre Beeinträchtigungen zu verbessern. Von Iris Böhme, Hirntrainerin im Fachklinikum Brandis, erfahren wir, wie ein solches Hirnleistungs- und Gedächtnistraining aussieht.
Schlaganfallpatienten haben meist Probleme, sich zu konzentrieren. Als Hirntrainerin trainieren Sie die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung der Betroffenen. Wie funktioniert das?
Leider werden Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung sehr häufig unterschätzt. Nur wenige Patienten kommen im Vorgespräch von selbst auf Probleme dieser Art zu sprechen. Im Vordergrund stehen vielmehr konkrete Schwierigkeiten bei bestimmten Alltagsaktivitäten, Interessenlosigkeit und Vermeidung von Kontakten. Die Betroffenen ziehen sich weitgehend aus der Gesellschaft zurück. Isolation und Einsamkeit sind häufig die Folge.
Das Aufmerksamkeitstraining sehe ich als eine der wichtigsten Grundlagen für die Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Patienten an. Die Übungen, die sowohl in der Einzeltherapie als auch in der Gruppentherapie durchgeführt werden, sind weitgehend identisch und basieren vorwiegend auf der Schriftzeichenwahrnehmung (siehe Abbildung S. 5). In den Gruppentherapien wird außerdem durch verschiedene Aufgabenstellungen die Realitätsorientierung trainiert. So werden beispielsweise aktuelle Tagesgeschehnisse aus der Tageszeitung vorgelesen und anschließend gemeinsam besprochen. Bei diesen Übungen werden viele kognitive Leistungen, so auch die Aufmerksamkeitsleistung angeregt. Weitere sehr effektive Trainingsmöglichkeiten bietet das so genannte RehaCom-System. Dieses Computerprogramm ist auch für ältere Patienten sehr gut geeignet, da es über ein speziell konstruiertes Patientenpult verfügt. Häufig angewendet wird ein Programm, das die Vigilanz – hier muss für eine längere Zeitspanne auf vorgegebene Reize geachtet werden – trainiert.
Welche Vorteile hat das Computertraining gegenüber der Einzel- und Gruppentherapie?
In der Computergruppe wird neben dem Training der Grundgrößen des Kurzzeitspeichers zusätzlich eine große Auswahl an Übungsprogrammen angeboten. Das kann zum Beispiel für den Patienten, der Alkoholprobleme hat oder hatte, ein Training der Merkfähigkeit sein oder für den Patienten, der ein Schädelhirntrauma hatte, das Training der Aufmerksamkeit, der geteilten Aufmerksamkeit oder seines Reaktionsvermögens. Die Organisation und Zusammenstellung der Gruppen ist flexibel und richtet sich nach dem jeweiligen Bedarf. Außerdem hat das Computertraining einen wesentlichen Vorteil gegenüber schriftlichen Übungen, da die Patienten selbstständig – jeder an einem Computer – arbeiten können. Treten während der Übungen Probleme auf, versucht der Therapeut, gemeinsam mit dem Patienten die Gründe dafür zu finden und Abhilfe zu schaffen. So besteht die Möglichkeit, Übungsparameter zu verändern oder aber hilfreiche Strategien zur Aufgabenbewältigung anzubieten.
Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Hirnleistungs- und Gedächtnistraining?
Ziel des Hirnleistungs- und Gedächtnistrainings ist es, die Selbstständigkeit der Patienten im Alltag wiederzuerlangen bzw. zu erhalten. Langfristig bedeutet dies natürlich, nicht nur das Training in der Therapie anzubieten, sondern auch die Inhalte des Training s so zu veranschaulichen, dass das Interesse bei den Patienten zur Weiterführung geweckt wird. Die Therapieziele in der Einzeltherapie und in der Computergruppe werden vom behandelnden Arzt vorgegeben und schließlich in einem intensiven Vorgespräch mit jedem Patienten einzeln besprochen. Werden im Therapieverlauf Probleme erkennbar, ist es natürlich jederzeit möglich, das Ziel neu zu formulieren. In der Computergruppe kann eine allgemeine Aktivierung das Ziel sein, was besonders bei der beruflichen Wiedereingliederung von Bedeutung ist. Gerade, wenn lange Zeiten der Krankschreibung oder Arbeitslosigkeit vorangegangen sind, ist das Hirntraining eine gute Möglichkeit, sich wieder auf die berufliche Situation einzustellen. Da unsere Trainingsgruppen von ihrer Größe her sehr überschaubar sind, haben wir auch die Möglichkeit, die individuellen Trainingsziele des Patienten bei der Therapie zu berücksichtigen. Der Wunsch vieler Patienten, so leistungsfähig wie vor der Erkrankung zu sein, kann in den wenigen Wochen der Reha kaum erfüllt werden. Sehr wichtig ist deshalb die Festlegung kleinerer Etappenziele, die auch wirklich erreicht werden können und so auf lange Sicht motivieren.
Den Patienten den Einstieg in den Alltag zu erleichtern, ist ja auch das Ziel der Ergo-, Logo- und Sozialtherapie. Gibt es hier einen fachlichen Austausch?
Der fachliche Austausch zwischen den einzelnen Arbeitsgruppen ist unerlässlich. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit von Arzt und Fachbereichen, wenn die Fragestellung der Patientenbetreuung im Alltag zu entscheiden ist. Die Möglichkeit , dass die Informationen auf kurzem Wege und somit sehr schnell an die entsprechenden Mitarbeiter weitergeleitet werden, ist hier von großer Bedeutung.
Können Sie nach Beendigung der Reha-Maßnahme bei Ihren Patienten einen Erfolg feststellen?
Überwiegend ja. Der Therapieverlauf beim Computertraining wird mittels einer Leistungsübersicht nachvollziehbar. Hier lässt sich in den meisten Fällen ein Leistungsanstieg deutlich erkennen. Das Training in der Einzeltherapie setzt dagegen eine ständige Verlaufsbeobachtung und Bewertung der Übungen durch den Therapeuten voraus. Die Eigenbewertung der Patienten ist dabei nicht immer mit der des Therapeuten identisch, um so wichtiger ist es, die „kleinen“ Erfolge anzusprechen, die von vielen, insbesondere sehr leistungsorientierten Patienten nicht wahrgenommen werden. Die Aufenthaltsdauer von drei Wochen bietet zudem nicht immer den gewünschten Trainingszeitraum, um erreichte Steigerungen zu stabilisieren. Deshalb wird mit dem Patienten, wenn notwendig auch mit dem Ehepartner, über die Weiterführung des Trainings gesprochen. Ich bemühe mich dabei so umfassend wie möglich, Hinweise und praktische Tipps zu geben.












