Ärztlicher Direktor
Fachklinikum Brandis
Dr. med. Dipl.-Psych.
Th. Müller-Holthusen
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Fortschritte und Fehleinschätzungen
Die Geschichte der Erforschung des Diabetes mellitus umfasst eine Vielzahl von einschneidenden Fortschritten, aber auch folgenschweren Fehleinschätzungen. Heute ist die Überlebensdauer von Diabetes-Patienten unter Beachtung von gewissen Einschränkungen deutlich länger als noch vor einigen Jahrzehnten. Trotzdem treten in vielen Fällen – bedingt durch die Weitergabe überalterter Behandlungsmethoden – schon in einem frühen Stadium Spätkomplikationen auf. Auch ein Festhalten an unnötigen Einschränkungen wird bei vielen Betroffenen beobachtet.
Bereits in der Antike war bekannt, dass bei manchen Menschen ein „honigsüßer Urinfluss“ – übersetzt: Diabetes mellitus – auftrat. Wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema sind jedoch erst ab dem 19. Jahrhundert bekannt. Pionierarbeit leistete Claude Bernard (1813-1878). Als erster Wissenschaftler zeigte er in seinen Tierversuchen, wie Kohlenhydrate im Darm gespalten und in der Leber als Glykogen gespeichert werden. Die Bauchspeicheldrüse wurde erst viel später mit dem Diabetes mellitus in Verbindung gebracht: Der an der Universität Straßburg tätige Arzt Oskar Minkowski entfernte 1889 einem Hund die Bauchspeicheldrüse. Er musste feststellen, dass der Hund nach der Operation vermehrt Urin ausschied, in dem ein erhöhter Zuckergehalt nachgewiesen wurde. Auch der Blutzuckerspiegel des Tieres lag danach sehr hoch. Trotz der großartigen Erkenntnis dauerte es noch 32 Jahre bis zur Entdeckung des verantwortlichen Hormons Insulin. Als dann 1921 schließlich zum ersten Mal Insulin eingesetzt wurde, bedeutete das für viele Betroffene, nicht an der Zuckerkrankheit sterben zu müssen.
Festgelegte Insulinmenge und strenge Diät
Erste Ansätze einer intensivierten Insulintherapie fanden sich bei dem Presslauer Kinderarzt Prof. Stollte. Denn er stellte die zu spritzende Insulindosis in Abhängigkeit von der vor dem Essen gemessenen Urinzuckermenge. Obwohl dieses Prinzip eine grundlegende Verbesserung gegenüber starr festgelegten Insulindosierungen und streng einzuhaltenden Diätplänen darstellte, setzte sich dieser Fortschritt lange Zeit nicht durch. Ende der 50er Jahre wurden praktikable Methoden zur Blutzuckerselbstkontrolle entwickelt und bei den Zuckerkranken eingesetzt. Über Teststreifen konnte der Blutzucker sehr genau und in angemessener Zeit bestimmt werden. Doch viele Diabetologen scheuten sich, den Test ihren Patienten zu übergeben. Es wurde befürchtet, dass die Patienten Fehler begehen oder unabhängig werden könnten. So verging wiederum längere Zeit, bis sich die Blutzuckerselbstkontrolle durchsetzte.
Teststreifen als Blutzuckerselbstkontrolle
In der Kontrolle einer effektiven Therapie war die Einführung der Bestimmung des HbA1c-Wertes als Standardmethode besonders wirkungsvoll. 1968 konnte der Teheraner Kinderarzt Dr. Samuel Rahbar beobachten, dass bei Kindern, die an Diabetes mellitus litten, eine eigenartige Form des roten Blutfarbstoffes auftrat. Auch dauerte es über hundert Jahre, bis sich eine Unterscheidung in die zwei Haupttypen des Diabetes mellitus durchsetzte. Ebenfalls bestanden hinsichtlich der Ursache der Folgeerkrankungen lange Zeit Unklarheiten. Zunächst wurde angenommen, dass Schäden an Nerven, Nieren und Augen Folge der Erkrankung selbst seien, bis größere Studien in den 90er Jahren nachweisen konnten, dass die Folgeerkrankungen Auswirkungen des zu hohen, über einen langen Zeitraum andauernden Blutzuckerspiegels waren. Bevorzugte Therapie in den letzten Jahren ist eine intensive Insulintherapie mit der regelmäßigen Bestimmung der Blutzuckerkonzentration und der individuellen und blutzuckerorientierten Anpassung der Insulindosis, um eine möglichst normnahe Blutzuckereinstellung zu erreichen.
Autor: Dr. med. Christoph Matthäus












