Ärztlicher Direktor
Fachklinikum Brandis
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Interview mit Dr. Klaus-Dieter Schmidt – Leitender Psychologe im Fachklinikum Brandis
Schleichend und kaum wahrnehmbar breiten sich die Folgeschäden von Diabetes mellitus aus: Polyneuropathien, Schlaganfall oder der Diabetische Fuß sind nur einige aus dem breiten Spektrum der Erkrankungen, mit denen die Betroffenen zunehmend konfrontiert werden. Zu Beginn der Diagnose sind viele Patienten noch relativ schmerzfrei, ihr Leidensdruck ist gering. Das hat oftmals zur Folge, dass ärztliche Verordnungen nur mangelhaft befolgt werden und der Diabetes unzureichend behandelt wird. Welche Faktoren zu einer fehlenden „Compliance“ der Patienten mit Diabetes führen und wie diese verbessert werden kann, erfahren wir in einem Interview mit Dr. Klaus-Dieter Schmidt, Diplom-Psychologe im Fachklinikum Brandis.
Herr Dr. Schmidt, wie reagieren Patienten auf die Diagnose Alters- oder Typ-II-Diabetes?
Dr. Schmidt: Der Alters- oder Typ-II-Diabetes verursacht anfänglich relativ wenige Beschwerden. Die Forderungen nach strenger Diät oder medikamentöser Therapie, die ärztlicherseits erhoben werden, scheinen in keinem Verhältniss zur erlebten Schwere der Krankheit zu stehen. Wie empirische Untersuchungen zeigen, wissen Alters- oder Diabetes-II-Patienten wenig über ihre Erkrankung. Nur jeder fünfte ist in der Lage, eine Diät zu planen oder einzuhalten. Wenige kennen die Anzeichen diabetischer Notfallsymptome. Ähnlich ungenügend ist das Wissen um den Langzeitverlauf der Erkrankung.
Welche Komplikationen können bei mangelnder Compliance bei Typ-II-Diabetikern auftreten?
Dr. Schmidt: Als Neuropsychologe wird man relativ häufig mit schweren Spätkomplikationen des Alters- oder Typ-II-Diabetes konfrontiert. Diese liegen vor allem in Nerven- und Gefäßerkrankungen, wie zum Beispiel Polyneuropathien oder Schlaganfällen. Auch in der Pathogenese des Diabetischen Fußes spielen Schädigungen der Nerven und Gefäße eine zentrale Rolle. Diese Komplikationen treten oft erst viele Jahre nach Beginn der Erkrankung auf.
Wie versuchen Sie als Psychologe, die Compliance der Patienten zu verbessern?
Dr. Schmidt: Man könnte aus den vorliegenden Untersuchungen schließen, dass es hier lediglich um eine Wissenslücke geht, die durch Gespräche mit dem Arzt oder das Lesen eines Ratgebers geschlossen werden könnte. Das erweist sich in der Praxis jedoch als verhängnisvoller Irrtum, für den sowohl die Patienten als auch unser Gesundheitssystem teuer bezahlen.
Bei Diabetes-Patienten sind letztlich tief greifende Veränderungen ihrer Lebensweise nötig. Solche Veränderungen fallen an sich schon schwer. Darüber hinaus wird mit der Behandlung des Diabetes in ein durchaus zweckmäßiges, funktionales körperliches Geschehen eingegriffen.
Welche Auswirkungen resultieren aus diesem „Eingreifen“?
Dr. Schmidt: Ein Beispiel: Der Alters- oder Diabetes-II-Patient soll ohne – bisher hilfreiche – körperliche Reaktionen auskommen, die zentrale Bestandteile der Stressbewältigung sind. Normalerweise werden Glukose und Fettsäuren mobilisiert und gleichzeitig die Insulinausscheidung unterdrückt. Im Gegensatz zu den anfänglich wenig fühlbaren Krankheitssymptomen fallen dem Patienten seine reduzierten Möglichkeiten, Stress zu ertragen, rasch und deutlich auf. Es geht ihm schlecht. Er erlebt sich als leichter reizbar, reagiert ängstlicher und schläft schlechter. Er wird diese Empfindungen möglicherweise auf die Diät oder die medikamentöse Therapie zurückführen. Aber auch, wenn der Patient das nicht bewusst durchdenkt, erlebt er negative Konsequenzen, die den Aufbau neuen und angepassten Verhaltens außerordentlich erschweren. Aus psychologischer Sicht kann über die Vermittlung von zutreffenden Vorstellungen über die Krankheit, die Wirkung der Behandlung und vor allem über die Erarbeitung von effektiveren Formen der Stressbewältigung eingegriffen werden.
Welche weiteren Faktoren können bei Typ-II-Diabetikern zu einer fehlenden Compliance führen?
Dr. Schmidt: Ein weiters Problem ist die Akzeptanz des Alters- oder Typ-II-Diabetes, die hinsichtlich der notwendigen Trauerarbeit mit anderen chronischen Krankheiten vergleichbar ist. Eine solche Trauerarbeit wird durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht gefördert. Dem Patienten fällt es daher in der Regel sehr schwer, die zweckmäßigen und schützenden Anpassungen eines solchen Prozesses zu durchlaufen. Es ist daher nicht selten, dass auch nach vielen Jahren mit Alters- oder Typ-II-Diabetes keine konstruktive Krankheitsverarbeitung eingesetzt hat. Kommt es dann zu Störungen körperlicher Funktionen, wird mit Angst oder Hilflosigkeit reagiert. Die Arzt-Patient-Beziehung wird dadurch in der Regel noch schwieriger. Auch hier wäre ein hilfreiches Eingreifen seitens eines ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten wichtig.
Dr. Klaus-Dieter Schmidt, Leitender Psychologe
Geboren: 1953 in Naumburg
Nach seinem Abitur widmete sich Dr. Schmidt dem Studium der Psychologie, das er 1977 mit dem Diplom abschloss. Daraufhin nutzte er die Möglichkeit zur Promotion und verteidigte 1982 seine Doktorarbeit. Es folgten weitere Jahre, in denen er als wissenschaftlicher Assistent bzw. Oberassistent an der Universität tätig war, bevor er Anfang der 90er Jahre in die klinische Praxis überwechselte. Seit mehreren Jahren engagiert sich Dr. Schmidt als Psychologe im Fachklinikum Brandis.
Zusammen mit den anderen Kollegen bietet Dr. Schmidt ein breites Spektrum klinisch-psychologischer Leistungen an. Es reicht von Beratungsgesprächen über die psychologische Diagnostik bis hin zur psychologischen Therapie. „Mein besonderes Interesse gilt dabei der Neuropsychologie“, erklärt Dr. Schmidt. Als Leitender Psychologe ist er außerdem für die Abstimmung der Arbeit untereinander sowie mit den ärztlichen Kollegen bzw. den anderen Therapiebereichen verantwortlich.
Besonders schätzt er an seiner Tätigkeit die Vielseitigkeit und Lebendigkeit: „Einerseits geht es um solide und umfassende Kenntnisse, andererseits um Offenheit und Kreativität. Das sind Anforderungen, die nicht immer gut zusammenpassen und ein interessantes Spannungsfeld schaffen.“ Als Ausgleich für seine berufliche Tätigkeit wandert und fotografiert Dr. Schmidt gerne in seiner Freizeit.












